Eine Exilgeschichte zwischen dem lauten, chaotischen Istanbul und der Sonntagsruhe in Berlin.
Es sind rund zehn Jahre vergangen, seit ich dem Erdogan-Regime, der Zensur sowie der ständigen Angst, eines Morgens abgeführt zu werden, den Rücken gekehrt und mich in Berlin wiedergefunden habe. Ich war mir sicher, aufatmen zu können, sobald ich ein Demokratie verheißendes Land betreten würde. Welch Naivität... Ich verließ den niemals endenden Streit in Istanbul und setzte, ohne es zu ahnen, einen Fuß in einen globalen Gladiatorenkampf.
Inmitten der berüchtigten deutschen Bürokratie, welche eine „Anmeldung“ und einen Termin bei der Behörde schier unmöglich erscheinen lässt, bemerke ich, dass die Welt um mich herum bereits angefangen hat zu bröckeln. Mit Bedauern beobachte ich, wie Errungenschaften wie die „nordeuropäischen Werte“ oder der „Sozialstaat“ – Rechte, die in vertrauten intellektuellen Kreisen jahrelang als unantastbar galten – angesichts einer heftigen Wirtschaftskrise und aufsteigendem Rechtspopulismus zerbröseln. Während die AfD in Deutschland in den Umfragen steigt, erkenne ich in den Gesichtern der besonnenen, pflichtbewussten Deutschen eine mir bekannte Sorge. Die Frage „Wohin geht dieses Land?“, von der wir dachten, sie stelle sich nur bei uns, kursiert heute in den Künstlercafés Berlins.
Sich in einem neuen Land eine neue Existenz aufzubauen, ist schon für sich genommen eine absurde Komödie. Als jemand, der in der Türkei jahrelang als Journalist gearbeitet, Bücher geschrieben und zu Massen gesprochen hat, muss ich mich hier neu beweisen. Und das auch noch im engen Korsett der deutschen Sprache, bei der ich bereits bei der Artikelwahl (der, die das) eine eigene existenzielle Krise durchlebe. Um eine Wohnung zu finden, lege ich akribisch Unterlagen zusammen, als würde ich meine Niere spenden wollen – vom Kontoauszug bis zum Stammbuch ist alles dabei. Dann noch mitzuerleben, wie die eigene Karriere in den Augen des Maklers nicht mehr wert ist als ein „verdächtiger Ausländer ohne geregeltes Einkommen“ nimmt einem deutlich den Wind aus den Segeln!
An genau dieser Stelle, inmitten dieser Beobachtungen und dieser Absurdität, betrete ich die Bühne. Ich bediene mich komödiantischer Mittel und gebe das Geschehene wieder. Sobald das Rampenlicht angeht, erzähle ich meine Geschichte – mit Humor. Ich erzähle vom Kulturschock sowie der globalen Ratlosigkeit. Denn ich weiß: Das Gegenmittel zu Faschismus und Absurdität ist das gemeinsame Lachen.
Wo sind die Deutschen? Ich begegne ihnen nicht auf der Bühne, sondern auf der Straße, auf der wir Schulter an Schulter für die Zukunft dieses Landes laufen. Neulich in Berlin, auf einer riesigen Demonstration gegen rechts, lief ich neben großartigen Menschen. Sie sind für mich das Gewissen dieser Nation. Sie hielten Plakate mit der Aufschrift „Kein Fußbreit dem Faschismus“. Als ein deutscher Aktivist neben mir erfuhr, dass ich Journalist aus der Türkei bin, erkannte ich in seinem Gesicht sowohl tiefe Beschämung als auch ein vertrautes Gefühl der Verbundenheit. Er wandte sich mir zu und sagte: „Ihr seid vor der dortigen Unterdrückung geflohen und habt hier Zuflucht gesucht, aber wir schaffen es nicht einmal, unser eigenes Zuhause zu schützen, es tut mir so leid.“ In diesem Augenblick lag eine so universelle, so aufrichtige Empathie in der Luft... Es war genau das Gefühl der Solidarität, das wir während der Gezi-Proteste auf den Straßen Istanbuls empfunden haben. Sie kämpfen dafür, ihr eigenes Zuhause und ihre Kultur des Zusammenlebens zu wahren; wir hingegen versuchen, das Zuhause, das wir verloren haben, gemeinsam mit ihnen neu zu errichten. Unsere Präsenz hier ist längst nicht mehr nur eine Fluchtgeschichte – sie ist eine Geschichte von Straßenbarrikaden und Schicksalsgemeinschaften, die uns mit den Demokraten dieses Landes vereinen.
Mitten im Stück, unter dem Gelächter des Publikums, hallt immer wieder diese eine Stimme in meinem Kopf nach. Die Stimme meiner Mutter. Der Frau, die mir beim Kofferpacken, kurz bevor ich die Türkei verließ, sagte: „Mein Sohn, bist du hier nicht schon genug herumgehetzt? Glaubst du, man lässt dich in der Ferne in Ruhe? Die Welt ist überall dieselbe Welt, geh nicht.“
Vor Erdoğans Unterdrückung nach Berlin zu fliehen, nur um hier, mitten im Herzen Europas, mit der Welle des Rechtsextremismus und der Fremdenfeindlichkeit konfrontiert zu werden... In einem Moment, in dem ich mich vollkommen sicher fühlte, zu spüren, wie der Boden unter meinen Füßen weggezerrt wird… Im Rampenlicht stehend, das Mikrofon in der Hand, stelle ich mir insgeheim diese eine Frage: „Hatte meine Mutter etwa recht?“
Vielleicht hatte sie das; die Welt ist überall gleich verrückt geworden. Aber diese Erkenntnis darf uns nicht zum Rückzug bringen. Im Gegenteil, sie sollte uns zeigen, dass wir – wo auch immer wir sind – der Ungerechtigkeit mit Humor, mit dem geschriebenen Wort und entschlossen auf der Straße entgegentreten müssen.
In diesem Land haben wir nun neue Freunde gewonnen, die für Demokratie und Gleichberechtigung an unserer Seite stehen, die dieselbe Sorge und dieselbe Hoffnung mit uns teilen. Dies ist keine lokale Angelegenheit mehr, wir sind ins Finale einer Weltmeisterschaft aufgestiegen. Die Front ist größer geworden, die Komödie tiefgründiger – der Kampf geht weiter mit neuen Weggefährten!