Von Süleyman Bağ
Wer heute in Berlin eine bezahlbare Wohnung sucht, braucht vor allem eines: Geduld. Hunderte Bewerberinnen und Bewerber konkurrieren um eine einzige freie Wohnung. Familien müssen ihren Kiez verlassen, weil die Miete nach einer Modernisierung unbezahlbar geworden ist. Studierende suchen monatelang vergeblich ein Zimmer, ältere Menschen fürchten die nächste Mieterhöhung. Wohnen ist längst mehr als eine private Angelegenheit – es ist zu einer der drängendsten sozialen und politischen Fragen der Hauptstadt geworden.
Kein anderes Thema bewegt Berlinerinnen und Berliner derzeit so unmittelbar wie die Wohnungsfrage. Kurz vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September gehört sie deshalb zu den zentralen Wahlkampfthemen. Fast alle Parteien versprechen mehr bezahlbaren Wohnraum. Doch warum ist die Lage überhaupt so dramatisch geworden? Und wie realistisch sind die politischen Versprechen?
Eine Krise mit Ansage
Die Berliner Wohnungskrise ist nicht über Nacht entstanden und es gibt auch keine einfachen Lösungen über Nacht. Über viele Jahre wuchs die Stadt schneller als neue Wohnungen gebaut wurden. Gleichzeitig stiegen die Baukosten, Grundstücke wurden teurer und der Bestand an Sozialwohnungen schrumpfte kontinuierlich. Was lange als Erfolgsgeschichte einer wachsenden Metropole gefeiert wurde, entwickelte sich für viele Menschen zur sozialen Belastung.
Besonders betroffen sind Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen. Wer auf eine größere Wohnung angewiesen ist oder neu nach Berlin zieht, findet oft kaum noch Angebote, die bezahlbar sind. Selbst Menschen mit einem gesicherten Einkommen müssen inzwischen einen erheblichen Teil ihres Budgets für die Miete aufbringen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um einzelne Bezirke. Die Entwicklung erfasst nahezu die gesamte Stadt. Was vor Jahren in Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Mitte begann, ist inzwischen auch in Wedding, Neukölln, Moabit oder Lichtenberg spürbar. Steigende Mieten verändern nicht nur den Wohnungsmarkt, sondern auch die soziale Struktur ganzer Kieze.
Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf
Die Wohnung ist weit mehr als ein wirtschaftliches Gut. Sie ist Lebensmittelpunkt, Rückzugsort und Teil der eigenen Lebenswelt. Wer seine Wohnung verliert, verliert häufig auch ein Stück Nachbarschaft, soziale Netzwerke und Heimat.
Gerade in Stadtteilen wie dem Wedding, in denen Menschen unterschiedlichster Herkunft seit Jahrzehnten zusammenleben, stellt sich deshalb eine grundlegende Frage: Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen, wenn sich immer mehr Menschen das Leben in ihrem eigenen Kiez nicht mehr leisten können?
Die Wohnungsfrage ist damit auch eine Frage der Teilhabe. Sie entscheidet darüber, ob Familien, Seniorinnen und Senioren, Auszubildende oder Menschen mit Migrationsgeschichte dauerhaft in ihrem Quartier bleiben können – oder verdrängt werden.
Das Gecekondu – ein Symbol des Widerstands
Wie eng Wohnen und gesellschaftlicher Zusammenhalt miteinander verbunden sind, zeigt kaum ein Ort so deutlich wie das Gecekondu am Kottbusser Tor.
Seit 2012 erinnert die kleine Protesthütte an den Widerstand von Mieterinnen und Mietern gegen steigende Mieten und Verdrängung. Der Begriff „Gecekondu“ stammt aus dem Türkischen und bezeichnet ursprünglich einfache Häuser, die aus Wohnungsnot oft über Nacht errichtet wurden. Am Kottbusser Tor erhielt das Wort eine neue Bedeutung: Es wurde zum Symbol für den Protest gegen eine Stadtentwicklung, die viele Menschen als sozial ungerecht empfinden.
Die Initiative Kotti & Co. machte bundesweit auf die Folgen steigender Mieten aufmerksam. Ihr Anliegen war nie allein die Kritik an einzelnen Vermietern. Vielmehr stellte sie eine grundsätzliche Frage: Wem gehört die Stadt – und wer kann es sich künftig noch leisten, in ihr zu leben?
Diese Frage ist heute aktueller denn je.
Wahlkampf oder Wendepunkt?
Vor der Wahl am 20. September versprechen nahezu alle Parteien, die Wohnungsnot entschlossen anzugehen. Mehr Neubau, bezahlbare Mieten, schnellere Genehmigungen oder stärkere Regulierung – die Vorschläge unterscheiden sich, das Ziel scheint ähnlich.
Doch viele Berlinerinnen und Berliner begegnen diesen Versprechen inzwischen mit Skepsis. Zu oft wurden in der Vergangenheit Lösungen angekündigt, ohne dass sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt spürbar verbessert hätte.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob etwas getan werden muss, sondern welcher Weg tatsächlich geeignet ist, die Krise zu überwinden. Oder ist es eine Krise ohne Lösung?